Kriminologie in Nordrhein-Westfalen

Das Netzwerk der Kriminologinnen und Kriminologen in Nordrhein-Westfalen

Tagung des Netzwerks Kriminologie in NRW

Vom 27. bis 29.03.2019 findet die erste Tagung des Netzwerks Kriminologie in NRW an der Universität Siegen statt. Nähere Informationen zu der Veranstaltung finden Sie hier.

Netzwerktreffen in Bochum am 15.06.2018

Am 15.06.2018 fand an der Ruhr-Universität Bochum das erste inhaltliche Treffen des Netzwerks Kriminologie in NRW statt. Um einen ersten Überblick über aktuelle Forschungsprojekte im Netzwerkt zu geben, stellten Prof. Dr. Klaus Boers, Prof. Dr. Frank Neubacher und Prof. Dr. Tobias Singelnstein ihre Projekte näher vor.


Kriminalität in der modernen Stadt (CrimoC)

Prof. Dr. Klaus Boers gab in seinem Vortrag einen Überblick über Befunde aus dem seit dem Jahr 2002 laufenden, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekt „Kriminalität in der modernen Stadt (CrimoC)“. In der Studie werden die Entstehung und Entwicklung delinquenten Verhaltens im Lebensverlauf untersucht. Hierzu wurden seit 2002 über 3.000 Duisburger Schülerinnen und Schüler, die zu Studienbeginn 13 Jahre alt waren, wiederholt zu delinquenten Verhalten sowie zu persönlichen und sozialen Faktoren befragt. Anfang 2019 wird die insgesamt 13. Erhebung bei den dann durchschnittlich 30-jährigen Probanden durchgeführt.

Mit Hilfe einer solchen prospektiven Panelstudie können unterschiedliche Verläufe delinquenten Verhaltens vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter sowie deren Entstehungsbedingungen untersucht werden. Als Verlaufsgruppen ließen sich Nichttäter und gelegentliche Täter, nur im Jugendalter aktive Täter, früh abbrechende sowie persistente Intensivtäter und sogenannte „späten Starter“ beobachten. Zu den sich aus den verschiedenen Verlaufspfaden ergebenden, auch für die Praxis wichtigen Befunden gehören die Heterogenität und Veränderbarkeit delinquenter Verläufe, die Entwicklung zum Delinquenzabbruch selbst bei zunächst dauerhafter Intensivtäterschaft, die große Bedeutung sozialer Entstehungszusammenhänge sowie die negativen Auswirkungen unangemessener justizieller Interventionen.

Nach diesen Befunden sind frühere Annahmen einer generellen Kontinuität intensiver Delinquenz bis weit in das Erwachsenenalter hinein, aber auch die Vorstellung einer lediglich dualen Taxonomie von Intensivtäterverläufen (Moffitt) im Wesentlichen falsifiziert. Zum einen finden sich mehr als nur zwei relevante Delinquenzverlaufsgruppen, wobei vor allem früh abbrechende Intensivtäter und späte Starter die Kontinuitätsannahme in Frage stellen. Zum anderen bleiben selbst die Tathäufigkeiten der persistenten Intensivtäter nicht über einen langen Alterszeitraum (und schon gar nicht lebenslang) sehr hoch, sondern gehen in Deutschland schon ab dem Heranwachsendenalter, in den US-amerikanischen Längsschnittstudien ab dem frühen Erwachsenenalter deutlich zurück. Die Beobachtung, dass zumindest die Hälfte der bereits in später Kindheit hochbelasteten Täter bereits ab der Mitte des Jugendalters das delinquente Verhalten weitgehend abbrechen, relativiert schließlich die vielfach postulierte Bedeutung einer frühen Auffälligkeit für Prognosen einer lang anhaltenden Delinquenz und belegt, dass auch bei in frühem Alter Hochbelasteten ein großes präventives Potenzial für Verhaltensänderungen besteht.


Radikalisierung im digitalen Zeitalter (RadigZ)

Das Projektteam des Instituts für Kriminologie der Universität zu Köln (Bögelein, Meier, Neu-bacher) berichtete unter der Überschrift „Biografie- und Netzwerkanalyse zu Radikalisie-rungsverläufen – erste Erkenntnisse“ aus dem laufenden Projekt. Die Durchsicht der wissen-schaftlichen Literatur ist inzwischen abgeschlossen, die zehn Interviews mit Expertinnen und Experten aus Sicherheitsbehörden und Aussteigerprogrammen sind geführt. Sie ergaben für die Phänomene Islamismus und Rechtsextremismus einige Gemeinsamkeiten, insbesondere was die Rolle der Familie und des sozialen Umfeldes betrifft. Junge Menschen suchen Sinn und das Gefühl von Zugehörigkeit. Das Internet fungiert dabei als Informationsquelle und verstärkt die Hinwendung zu radikalen Sichtweisen. Als Ausstiegsmotive dominieren die Enttäuschung über die wahrgenommene Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Ei-gengruppe sowie der Wunsch nach einem bürgerlichen Leben, oft ausgelöst durch die Be-gegnung mit neuen Bezugspersonen. Die Interviews mit radikalisierten Personen konnten wegen einiger Zugangsprobleme erst zum Teil durchgeführt werden. Von 14 Interviews wur-den bislang sieben einer ersten inhaltsanalytischen Auswertung unterzogen, die die Rolle von Familie und sozialem Umfeld bestätigt. Gefühle der Entfremdung von der Gesellschaft und Diskriminierungserfahrungen sind gleichfalls von Bedeutung. Neue Partnerschaften sind häufig Anlass und Motiv für die Distanzierung von radikalen Gruppen, unter Umständen auch eine Inhaftierung.


Strafkulturen

Prof. Dr. Tobias Singelnstein und Elena Isabel Zum-Bruch stellten in ihrem Vortrag erste Ergebnisse aus dem DFG-Forschungsprojekt „Strafkulturen auf dem Kontinent – Frankreich und Deutschland im Vergleich“ vor. Zum einen wurde auf die Ergebnisse einer Bevölkerungsbefragung mit je 3.000 Teilnehmenden in Deutschland und in Frankreich eingegangen. In dieser wurden BürgerInnen mit Fällen leichterer und mittlerer Kriminalität konfrontiert und um ihre Einschätzung einer angemessenen Bestrafung gebeten. Durch Variationen der in den Vignetten beschriebenen Täter konnten nicht nur Vergleiche zwischen Deutschen und Franzosen sowie ebenfalls befragten RichterInnen angestellt werden. Es wurde auch untersucht, welche Einflüsse die Herkunft und die Lebensumstände der Täter auf die Straflust der Befragten ausüben.

Zum anderen wird in dem Projekt auch untersucht, welche Rolle u.a. den Medien bei der Vermittlung von punitiven Diskursen zukommt. Im zweiten Teil des Vortrages wurden hierzu die Ergebnisse aus Experteninterviews vorgestellt, die mit JournalistInnen der Print- und Fernsehmedien durchgeführt wurden. Es wurde dabei auf die Punitivitätseinstellungen der befragten JournalistInnen eingegangen, auf ihre Auffassungen, was die Aufgaben und Rolle der Medien in der Berichtserstattung zu Kriminalität, Sicherheit und Bestrafung seien, sowie auf die Erwartungen, die von verschiedenen Akteuren an sie gerichtet werden, und wie diese die Berichtserstattung beeinflussen.

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