Kriminologie in Nordrhein-Westfalen

Das Netzwerk der Kriminologinnen und Kriminologen in Nordrhein-Westfalen


Save the Date / Call for Papers

3. Netzwerktagung „Kriminologie in NRW“ vom 04. bis 05. November 2021

Vom 04. bis 05. November 2021 findet das jährliche Netzwerktreffen „Kriminologie in NRW“ an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Köln statt. Die Tagung bietet die Gelegenheit, aktuelle kriminologische Forschungsergebnisse vorzustellen und zu diskutieren. Save the Date! Nähere Informationen zum konkreten Programm und der Möglichkeit zur Anmeldung folgen im Frühjahr 2021. Es wird mit ca. 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerechnet. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei. Nach jetzigem Stand ist eine Präsenzveranstaltung unter Einhaltung der einschlägigen Abstands- und Hygieneregeln geplant. Da aber nicht absehbar ist, welche Veranstaltungsregeln im November 2021 gelten, sind Änderungen in der Veranstaltungsorganisation (z. B. Umsetzung als Online-Veranstaltung) nicht auszuschließen. Ansprechpartner ist Prof. Dr. Felix Bode (kriminologietagung@hspv.nrw.de).

Hier finden Sie den Call for Papers für die Tagung. Die Einreichung von Abstracts ist noch bis zum 16. Mai möglich!


Informationen zur Auseinandersetzung zwischen Angehörigen der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz
und Kolleg*innen der Ruhr-Universität Bochum zum Projekt "Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamt*innen"



  • Stellungnahme des Projekts KviAPol zur Kampagne gegen kritische Polizeiforschung

  • Offener Brief unterzeichnet von Polizeiforscher*innen, Kriminolog*innen, Kriminalpraktiker*innen sowie Vereinigungen (u.a. Gesellschaft für interdisziplinäre wissenschaftliche Kriminologie)

  • Antwort des Direktors der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz, Friedel Durben, auf den Offenen Brief „Gegen die Diskreditierung unabhängiger Polizeiforschung“

  • Stellungnahme des Arbeitskreises Empirische Polizeiforschung zur Kritik der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz (HdP RLP) am Forschungsprojekt KViAPol (Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamt*innen)

  • Stellungnahme des Vorstands der Kriminologischen Gesellschaft (KrimG)


Ergebnisse der Langzeitstudie "Kriminalität in der modernen Stadt" vorgestellt

Die dpa hat Anfang Januar 2020 die Ergebnisse der von unseren Kollegen Klaus Boers und Jost Reinecke und ihrem Team durchgeführten Langzeitstudie 'Kriminalität in der modernen Stadt' mit einem recht großen Medienecho verbreitet. Hier die Medienmitteilung der Universitäten Münster und Bielefeld:


 Aufmerksamkeit und Vertrauen sind besonders wirksam gegen Jugendkriminalität

Wissenschaftler legen Ergebnisse der Langzeitstudie "Kriminalität in der modernen Stadt" vor Soziale Benachteiligungen, familiäre Gewalt, ein schlechtes Schulklima oder der Konsum von Gewaltmedien wie beispielsweise Filme und Computerspiele haben zwar keine oder kaum eine direkte Wirkung auf ein mögliches straffälliges Verhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Allerdings haben diese Faktoren häufig zur Folge, dass die betroffenen Jugendlichen die Begehung von Gewalttaten als harmlos ansehen und ihre Zeit mit entsprechend auffälligen Freunden verbringen – dies wiederum steht in einem deutlichen Zusammenhang mit der Begehung von Straftaten. Das sind zwei der wichtigsten Ergebnisse der Langzeitstudie "Kriminalität in der modernen Stadt" unter der Leitung des Kriminologen Prof. Dr. Klaus Boers (Westfälische Wilhelms-Universität Münster, WWU) und des Soziologen Prof. Dr. Jost Reinecke (Universität Bielefeld). Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über knapp 20 Jahre geförderte Untersuchung ist in Deutschland die einzige und international eine der wenigen Langzeituntersuchungen, die delinquentes Verhalten vom späten Kindes- bis ins frühe Erwachsenenalter in den Blick nimmt. Die Studie unterscheidet sich von bisherigen Untersuchungen vor allem dadurch, dass einmalige Befragungen lediglich Momentaufnahmen lieferten, aber nichts über die Entwicklung der Kriminalität aussagten.

Von 2002 bis 2019 befragten die Wissenschaftler in Duisburg rund 3.000 Personen zwischen dem 13. und 30. Lebensjahr zunächst jedes Jahr und später alle zwei Jahre nach selbst begangenen Delikten (Täterbefragung) sowie nach Einstellungen, Werten und Lebensstilen. Die Wissenschaftler bekamen dadurch Einblicke in das Dunkelfeld der Kriminalität, indem die jungen Menschen über Straftaten berichteten, die in keiner offiziellen Statistik auftauchen. Zusätzlich werteten sie (Hellfeld-) Daten über Verurteilungen und Verfahrenseinstellungen aus. Die Angaben und Daten der Studie beziehen sich ausschließlich auf Duisburg – die Wissenschaftler sind aber davon überzeugt, dass sich viele Ergebnisse auch auf andere deutsche Großstädte übertragen lassen.

Die wesentlichen Ergebnisse im Überblick:

Gelegentliche Diebstahls- oder einfache Gewaltdelikte sind vom späten Kindes- bis zum mittleren Jugendalter vor allem unter Jungen (bis zu 28 bzw. 25 Prozent), aber auch unter Mädchen (bis zu 22 bzw. 14 Prozent) nicht ungewöhnlich. Allerdings werden ab dem Ende des Jugendalters die allermeisten Jugendlichen nicht mehr straffällig, wobei dies für Mädchen früher als für Jungen gilt. "Dieser starke Rückgang der Jugendkriminalität ist normal und ein Erfolg einer regulär verlaufenden Erziehung und Sozialisation", betont Klaus Boers. "Mit zugewandten und aufmerksamen Eltern und Lehrern, unter Freunden und in Vereinen regelt sich das meiste von selbst."

Die Jugendlichen würden soziale Normen vor allem dann akzeptieren, wenn die Gesellschaft pädagogisch angemessen auf Regelverletzungen reagiere. Deshalb sei es begrüßenswert und sinnvoll, dass das Jugendstrafrecht es den Staatsanwaltschaften und Gerichten ermögliche, sich gegenüber den erzieherischen Bemühungen von Eltern, Lehrern und anderen Gruppen zurückzuhalten und auf die vorübergehenden Delikte Jugendlicher mit Verfahrenseinstellungen zu reagieren. Das sei ein Grund, warum seit den 2000er Jahren die Kriminalität von Jugendlichen und Heranwachsenden insgesamt um ein Drittel, die Gewaltkriminalität sogar um die Hälfte zurückgegangen ist. "Eine sogenannte ,Null-Toleranz-Strategie', also die Verurteilung von leichten, ersten Straftaten, würde solchen positiven Entwicklungen entgegenwirken", unterstreicht Jost Reinecke.

Problematisch ist eine kleine Gruppe von Intensivtätern. Sie machen fünf bis acht Prozent ihrer jeweiligen Altersgruppe aus und begehen die Hälfte aller Delikte sowie drei Viertel der Gewalttaten ihrer Altersgruppe. Intensivtäter sind vor allem während der Jugendjahre aktiv, zum allergrößten Teil beenden aber auch sie zum Ende des Jugendalters ihr delinquentes Verhalten. Auch führt eine frühe Intensivtäterschaft nicht unbedingt zu einer anhaltenden delinquenten Entwicklung: Immerhin die Hälfte der im späten Kindesalter intensiv Auffälligen begeht schon in den folgenden Jugendjahren deutlich weniger Straftaten. Diese auch international bestätigten Befunde stützen die These, dass präventive Maßnahmen und Behandlungsprogramme auch Intensivtäter zur Umkehr bewegen können.

Besonders hilfreich seien gute, auf Aufmerksamkeit und Vertrauen gestützte Beziehungen zwischen Schülern, Lehrern, Familienangehörigen und Freunden. Der in der Regel glimpflich verlaufende Kontakt mit der Polizei oder Justiz hätte dagegen nur selten eine unmittelbare Wirkung auf das weitere Verhalten der Jugendlichen. Bei drastischeren Maßnahmen könne der Zusammenhalt von delinquenten Cliquen und deren Einstellungen verstärkt werden. Und wer der Justiz bekannt sei, habe – unabhängig vom tatsächlichen Ausmaß seiner weiteren Taten – ein höheres Risiko, erneut kontrolliert zu werden.

Migrantenjugendliche* begehen der Studie zufolge nicht mehr Diebstähle als Jugendliche deutscher Herkunft. Mädchen türkischer Herkunft – zu dieser Gruppe verfügten die Wissenschaftler in Duisburg über eine gute Datenlage – fallen zudem bei allen Straftaten seltener auf als deutsche Mädchen. In den 1990er Jahren begingen männliche Migrantenjugendliche allerdings deutlich mehr Gewaltdelikte, sie fielen auch häufiger als Intensivtäter auf. In Duisburg konnten in den 2000er Jahren jedoch erstmals keine gravierenden Unterschiede zwischen männlichen Jugendlichen deutscher und türkischer sowie osteuropäischer Herkunft mehr festgestellt werden. Dies ließ sich vor allem auf eine in der dritten Einwanderergeneration erfolgreiche Integration in das Bildungssystem zurückführen. Im Übrigen weisen Jugendliche deutscher Herkunft mit vergleichbaren sozialen Defiziten ähnliche Gewaltraten wie Jugendliche türkischer Herkunft auf.

Fazit: Selbst problematische Täter hören häufig spätestens als Heranwachsende damit auf, Straftaten und vor allem Gewalttaten zu begehen. Diese positive Entwicklung kann mit pädagogischen Maßnahmen sowie angemessenen polizeilichen und justiziellen Reaktionen gefördert werden. Es besteht eine gute Chance, auch nach dem Jugendalter positive Bindungen und Einstellungen aufzubauen.

* Migrantenjugendliche: Nachkommen der Arbeitsmigranten; nicht seit den 2010er Jahren Geflüchtete.

Anlass war die Veröffentlichung wesentlicher Befunde der Untersuchung in dem Buch:

    Boers, K. & Reinecke J. (Hrsg.). Delinquenz im Altersverlauf. Münster: Waxmann

Die Medienmitteilung finden sie hier.

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